Geschichte

A. Gründung
1. Die Zeit

Die Zeitumstände um 1848 waren alles andere als christenfreundlich. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Wiederbelebung des Rationalismus im neuen Gewand der liberalen Theologie. Hinzu kam - bedingt durch die "industrielle Revolution" von England her - eine starke Bevölkerungszunahme in den Großstädten. Viele Arbeiter in den industriellen Ballungszentren lebten in menschenunwürdigen Umständen. "Es entstanden verarmte und verelendete Massen, die mit Gott und Menschen haderten." 1848 erschien "Das Kommunistische Manifest" von Karl Marx. Es begann die Frauenrechtsbewegung für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft. 1848 kam die erste dt. "Frauenzeitung" von Luise Otto-Peters heraus.

2. Pastor Ludwig Feldner

Pastor Ludwig Feldner, lutherischer Pfarrer in Elberfeld Feldnersah in der Gründung einer Evangelischen Gesellschaft die Möglichkeit, der Entkirchlichung und Entchristlichung des deutschen Volkes entgegenzuwirken. Er veröffentlichte im Mai 1848, zwei Monate nach der Märzrevolution, die auch in Wuppertal zu heftigen Straßenschlachten führte und die Freigabe des Vereins- und Versammlungsrechtes zur Folge hatte, einen Aufruf in der Zeitschrift "Der Menschenfreund", in dem er zur Evangelisation von ganz Deutschland aufrief.

 

Am Tag nach dem Barmer Missionsfest der Rheinischen Mission trafen sich 53 Pastoren und gläubige Männer und gründeten "einmütig" die "Evangelische Gesellschaft für Deutschland" (EG) unter dem Motto: "Wir wollen Deutschland evangelisieren!"

 

 

B. Erste Anfänge
1. Kolportage

Um die Jugend zu erreichen, gründete man zuerst ein christliches Gymnasium in Gütersloh und ein Lehrerseminar in Düsselthal, widmete sich aber dann mehr und mehr der Schriftenkolportage. Dazu gründete man 1852 in Elberfeld eine Schriftenniederlage. Kolporteure zogen wie Hausierer durch Städte und Dörfer. Von 1848 - 1873 wurden auf diese Weise 60.000 Bibeln, 75.000 Neue Testamente und eine Million Erbauungsschriften verbreitet. Dabei ging es nicht in erster Linie um den Verkauf, sondern um das persönliche Zeugnis vom Heil in Christus. Wo sich die Türen öffneten, errichtete man Bibelstundenkreise zur weiteren Betreuung der Gläubigen. Um die Gläubigen eines größeren Bezirks miteinander zu verbinden und auch missionarisch zu wirken, hielt man regelmäßig größere Versammlungen und Feste ab.

Dabei knüpfte man strategisch an frühere Erweckungsgebiete an:

- Ruhrgebiet: Durch Einwanderung frommer Ostpreußen als Industriearbeiter.

- Westerwald: Durch Besuche von Christen aus dem Siegerland, besonders von Arbeitern aus den Erzbergwerken.

- Wetzlarer Raum: Durch missionarische Arbeit unter schienenlegenden Eisenbahnern.

2. Zweigvereine

Um die Arbeit vor Ort weiter zu festigen, gründete man Zweigvereine, die die EG finanziell unterstützten und Verantwortung für die Arbeit vor Ort übernahmen, so dass der "Bote" der EG, wie man die Kolporteure nannte, Freiraum für evangelistische Tätigkeiten hatte. Ging die Anzahl der Mitglieder über eine bestimmte Zahl hinaus, so wurde es nötig, ein Haus zu bauen, was eine Zunahme an Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von der Kirche bedeutete.

Der erste Zweigverein entstand in Altena 1848. Weitere folgten: 1854 Breslau, 1850 Hagen, 1856 Dortmund, 1859 Essen, 1871 Wattenscheid und Duisburg, 1872 Bochum, 1873 Gelsenkirchen, 1874 Schalke. Der größte Arbeitsschwerpunkt lag im Ruhrgebiet.

C. Die Blütezeit bis zum 1. Weltkrieg
1. Wilhelminische Ära

Die Arbeit breitete sich seit den 80er Jahren stark aus. 1874 hatte die EG sieben Zweigvereine, 1880 waren es elf. 1883 gehörten ca. 5.000 Mitglieder und 13 Zweigvereine dazu. Seit 1851 hatte die EG eine eigene Zeitschrift, die "Mitteilungen der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland".

Der langanhaltende wirtschaftliche Aufstieg in der "Wilhelminischen Ära" führte zu gesteigerter Lebenshaltung und zu immer weitreichenderer Entkirchlichung.

Dies war gleichzeitig eine Herausforderung, der sich die EG stellte. Waren 1884 erst 21 Boten angestellt, so zählte man 1891 schon 33 und 1908 hatte sich die Arbeit so stark entwickelt, dass 63 Boten angestellt waren, bei insgesamt 54 Zweigvereinen und 50 Vereinshäusern. Ebenso stieg die Zahl der Inspektoren von einem auf drei.

Die Gründe für dieses starke Wachstum standen in engem Zusammenhang mit dem starken Aufschwung der Gemeinschaftsbewegung in ganz Deutschland. Auch dass durch den Gnadauer Verband die Gedanken von Laienarbeit, Evangelisation und Gemeinschaftspflege so kräftig vertreten wurden, brachte der EG weiteren Aufschwung.

2. Evangelisation

Da Evangelisation von Anfang an das Hauptanliegen war, beschritt man Ende des 19. Jh. auch neue Wege der Evangelisation. Die mehrtägigen, ja wochenlangen Evangelisationsveranstaltungen mit Elias Schrenk mit oft Tausenden von Leuten waren etwas grundsätzlich Neues. Die EG leistete hier vor allem die Vor- und Nacharbeit.

Gleichzeitig achtete man darauf, dass die persönliche Evangelisation, "die eigentliche Missionsarbeit an den einzelnen Seelen", nicht zu kurz kam.

D. Vor und nach dem 1. Weltkrieg
1. Schriftenmission

Schon vor dem 1. Weltkrieg wurde die Schriftenmission zu einem wichtigen Schwerpunkt der Arbeit. 1899 kam Pastor Joseph Gauger in die Leitung. 1905 übernahm die EG die 1889 von Pastor Julius Dammann gegründete evangelische Wochenzeitschrift "Licht und Leben". 1917 bezogen 3.000 Pfarrer "Licht und Leben". 1925 war die Auflage auf 20.000 und im Kirchenkampf bis auf 30.000 Exemplare wöchentlich gestiegen. Daneben gab man eine Vielzahl von evangelistischen und anderen Schriften heraus. Z.B.: "Einer für alle" (für Soldaten, Aufl. 200.000), "Deutschlands Hoffnung" (Kinderzeitschrift, Aufl. 17.800), "Im Dienst des Kinderfreundes" (Hilfe für Sonntagschullehrer, Aufl. 6.054), "Licht und Kraft" (jhl. Andachtsbuch), "Singet dem Herrn" (neue Lieder für die 250 Chöre des Evangelischen Sängerbundes). Außerdem schuf man mit der Herausgabe des "Evangelischen Psalters" ein Standartliederbuch für den Pietismus.

2. Nach dem 1. Weltkrieg

Nach dem Kriege stieg die Zahl der Prediger, wie die Boten jetzt genannt wurden, der Zweigvereine und Häuser nur noch geringfügig an. Die Arbeit verlagerte sich mehr von Evangelisation auf Betreuung der gläubigen Kreise.

In der Jugendarbeit stellte man 1920 zwei Jugendsekretäre (einen Mann und eine Frau) ein, gab seit 1924 eine eigene Jugendzeitschrift "Jugendland" heraus und baute ein Jugendheim in Hilchenbach "Haus Jugendland". Die Jugendkreise der EG schlossen sich zu einem eigenen Verband mit eigener Satzung zusammen. 1925 gab es ca. 40 EG-Jugendbünde mit 1.500 Mitgliedern. Neben diesen Jugendbünden gab es in der EG 32 Männer- und Jünglingsvereine, 65 Frauenvereine, 66 Gesangsvereine und 77 Sonntagsschulen.

In der Schriftenmission arbeiteten 1925 dreißig Personen. Pastor Gauger sah es als seine Aufgabe an, politische Bewusstseinsbildung zu betreiben und gab den Gemeinschaftsleuten durch die "Gotthardbriefe" (seit 1923) Hilfestellung.

E. Drittes Reich
Thurmann Horst2

Diese Zeit war nicht leicht zu durchschauen. Einerseits hörte man schon vor der Machtergreifung der NSDAP im Jahre 1933 deutliche Warnungen von der EG (Pastor Paul Kuhlmann). Andererseits gab es im Hauptvorstand Stimmen, die sich durch den Gebrauch der Worte "Volksmission" und "volksmissionarische Verkündigung" von Seiten der "Deutschen Christen" (DC) blenden ließen.

Als die DC jedoch in der Sportpalastkundgebung in Berlin am 13. November 1933 ihre Ziele offen darlegten, war man sich im Hauptvorstand völlig einig, dass eine Zusammenarbeit mit ihnen gänzlich unmöglich sei. Präses Kuhlmann riet den Gemeinschaften vor Ort dringend, ihre Selbständigkeit zu bewahren.

In den nächsten Jahren erlebte die EG die systematische Verhinderung ihrer Arbeit durch die NSDAP bis zur völligen Lahmlegung ganzer Arbeitszweige. Am 13.7.1938 wurde die Zeitschrift Licht und Leben verboten. Zur letzten Maßnahme, nämlich der Absetzung der Leitung der EG und Neubesetzung mit überzeugten Nationalsozialisten, ist es dann - aufgrund des ausbrechenden Krieges - doch nicht gekommen.

 
F. Die Zeit nach 1945

Nach dem Kriege gingen die Prediger der EG "mit einem verwegenen Glaubensmut an die Aufbauarbeit". Unter Pastor Heinrich Jochums Jochums Heinrich2war eine starke Rückbesinnung auf das Anliegen der Gründer der EG, Deutschland zu evangelisieren, zu beobachten. 1962 gründete man die Zeltmission, die in den folgenden Jahren eine Blütezeit erlebte.

1974 kam es zur Fusion mit der Neukirchener Mission unter dem Namen „Evangelischen Gesellschaft f.D. – Neukirchener Mission“ (bis 2001). Damit erhielten die Gemeinschaften verstärkt den weltweiten Horizont der Weltmission (früher durch die Beziehungen zur Rheinischen Mission) und die Missionare zusätzlich den Gemeindebezug der Gemeinschaften der EG.

Auch Schulung und Ausbildung wurde neu wichtig: Seit 1947 fanden jährlich wieder theologische Bibelkurse für Prediger im Bibel- und Erholungsheim Hohegrete statt (das als unrentables Erzbergwerk 1902 von der EG gekauft worden war).

Neben diesen "Predigertagungen" wurde 1960 das Bibelseminar Wuppertal gegründet. Anlass war "der Mangel an Mitarbeitern im Werk des Herrn und der immer weiter um sich greifende Zweifel an der Autorität der Heiligen Schrift". 1963 war das Bibelseminar Wuppertal mit Pastor Jochums führend mitbeteiligt an der Gründung der "Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten" www.bibelschulen.de (heute über 30 Schulen in Europa).

In der Schriftenmission gelang es 1948, Licht und Leben unter der Schriftleitung von Pastor Wilhelm Busch monatlich (statt vorher wöchentlich) wieder herauszugeben. Auch durch andere Schriften versuchte man "in die verworrene Lage der Gegenwart scharf hineinzuleuchten..." (Pastor Jochums gab die Zeitschrift "Der feste Grund" heraus und die Schriftenreihe "Aktuelle Fragen", 21 Bände).

Nach dem Kriege machte sich Enttäuschung breit über den theologischen Kurs der Kirche. "So kam es nicht, wie es am Anfang des Kirchenkampfes schien, zu einer Reformation an Haupt und Gliedern. Das erhoffte Neue blieb ganz aus. Unter der Leitung der einstigen BK-Vorkämpfer haben wir die Restauration der Kirche..." (Gotthold Lesser). In dieser "Neuen Kirche", die im Laufe der Zeit immer mehr von der existentialen Theologie Rudolf Bultmanns beeinflusst wurde "wurden die Gemeinschaften als Störfaktor in die Ecke gedrängt." (Dr. Bernd Brandl). Pastor Jochums Buch "Angriff auf die Kirche" (1968) machte deutlich, dass der schärfste Angriff auf die Kirche aus der Kirche selbst kam. 1963 verfassten Pastor Jochums und Pastor Horst Thurmann das "Wuppertaler Bekenntnis".

Einher ging eine immer größere Offenheit für Menschen, die außerhalb der Kirche stehen und eine Besinnung auf gemeindetheologische Themen.

1963 schrieb z.B. Pastor Horst Thurmann: Die Gemeinschaft "will, kann und darf jedoch, soll sie unter dem Segen stehen, letztendlich nichts anderes sein als (in aller Schwachheit sei's gesagt) Gemeinde".

1973 riet Pastor Jochums :"Wir sollten gegebenenfalls auch bereit sein, sogenannte Amtshandlungen selbst zu vollziehen."

1975 erschien im Verlag der EG das Buch: "Gemeinde nach Gottes Bauplan" von Alfred Kühn.

1966 wurde das Jugendwerk der EG neu verfasst, das vor allem den nicht dem CVJM oder dem EC angeschlossenen Jugendkreisen in der EG dient.

 

G. Die Entwicklung heute


Heute versteht sich die EG sich in ihrer weiteren Entwicklung als ein Bund von Gemeinden und Gemeinschaften.
1997 verlagerte die EG ihren Sitz von Wuppertal nach Radevormwald, wo sie die Jugendakademie der Ev. Kirche im Rheinland erwerben konnte. Hier findet sich jetzt die Verwaltung der EG und eine Jugendbildungsstätte.

Auf dem Gelände befinden sich außerdem die Arbeitszweige jbs:aufwärts (ein erlebnispädagogisches Team) und das EG Kolleg (Schulung für ehrenamtliche Gemeindemitarbeiter).

EG Zentrum

2002 wurde nach dem Tod des Altpräses Hans Mohr eine nach ihm benannte "Hans Mohr-Stifung" errichtet.
2010 gab die EG ihr Theologisches Seminar zu Gunsten einer Kooperation mit dem Theologischen Seminar Rheinland (TSR) in Wölmersen/Westerwald auf.
In der EG arbeiten heute ca. 50 hauptamtliche Mitarbeiter in etwa 70 Gemeinden und Gemeinschaften.

Nähere Informationen sind nachzulesen in dem Buch von Judith Hildebrandt, Pietistischer Gemeindeaufbau zwischen Gemeinschaft und Gemeinde, Das Gemeindeverständnis der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland im Vergleich zum Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband, hänssler-Theologie, Neuhausen-Stuttgart, 1998.